(05.03.2007) Er lebt für den Kampf: Ein Iraker weiht die Deutschen in seiner Karateschule in Köln und Hürth in die Geheimnisse der asiatischen Kampfkunst ein. (Text: Karen Haak)
Sensei Rei“ ein scharfer Ruf durchschneidet das Schweigen in der Trainingshalle, dem Dojo. Die Reihe aus zwölf knieenden Karateka verbeugt sich synchron und grüßt mit der rituellen Formel „Osu“. Danach erhebt sich die Gruppe und das Training beginnt.
Karate ist eine jahrhundertealte Kampfkunst. Auch wenn die europäischen Einflüsse im heutigen Kampfsport unübersehbar sind, haben sich viele Traditionen erhalten. So ist der Trainer immer noch die wichtigste Person. Er wird respektvoll Sensei genannt. Das heißt so viel wie Lehrer oder Meister. Ihm muss uneingeschränkter Respekt entgegengebracht werden, seine Anweisungen gleichen eher Befehlen, Kritik ist unerwünscht.
Auch Sensei Shehab Ahmed Yazea legt Wert auf Disziplin. „Karate ist wie Armee“, sagt der 35jährige. Seit 20 Jahren trainiert er Karate. Im September 2004 eröffnete er sein erstes Dojo in Köln, ein halbes Jahr später das zweite in Hürth. Der gebürtige Iraker unterrichtet zur Zeit etwa 50 Schüler in der waffenlosen Kampfkunst. Er ist Meister des Kyokushin Karate. Diese Form des Karate wurde erst in den 50er Jahren von Sosai Masutatsu Oyama gegründet und gilt als eine der härtesten. Kyokushin bedeutet „Die absolute Wahrheit“ und ist ein Vollkontakt Karate. Alle Schläge und Tritte werden im Kampf mit voller Kraft durchgezogen, nur wenige Techniken sind verboten. „Ein Kyokushin-Kämpfer muss hart sein. Hart, aber barmherzig“, sagt Sensei Shehab. Für ihn ist Karate mehr als nur ein Sport. Es ist eine Lebensphilosophie: Wer diesen Weg geht, muss bereit sein, sein ganzes Leben lang zu lernen und zu üben.
Jeder, der sich entschließt den Weg des Karates zu gehen, wird immer wieder den drei Teildisziplinen begegnen: Kata, Kihon und Kumite. Die Schüler im Dojo stehen erst am Anfang dieses Weges. Gemeinsam trainieren sie eine Kata eine fixe Choreografie aus Tritten und Schlägen. Dabei kämpft man gegen imaginäre Gegner. Die Bewegungen müssen kraftvoll und exakt ausgeführt werden. Es dauert, bis man das wirklich kann. Zum x-ten Mal zeigt der Sensei seinen Schülern, wie es richtig geht. Sauber und präzise reihen sich die Bewegungen organisch aneinander. Mit großer Körperspannung und Konzentration führt er die Übung aus.
Auch die einfachste Kata beeindruckt so durch Ästhetik und Schönheit. Kihon ist die Grundschule des Karates. Hier erlernt der Karateka die grundlegenden Techniken. Dazu gehören Schläge, Tritte und Blöcke. Die Bewegungen werden immer und immer wieder wiederholt, so dass die Abläufe später wie ein Reflex angewandt werden können.
Mit 13 Jahren begann Sensei Shehab Teakwondo, Judo und Shotokan-Karate zu trainieren. „In diesen Kampfkünsten habe ich mich nie selbst gefunden“, erzählt der Schwarzgurt. Kyokushin Karate entdeckte er 1986 für sich. Sein Meister hatte so viele Schüler, dass sie manchmal in einem Stadion trainieren mussten. Bei jedem Wetter und oft vier Stunden pro Tag. Doch davon wussten die Eltern des jungen Kyokushin-Kämpfers nichts: „Ich habe ihnen erzählt, dass ich im Fußballverein bin“, gesteht Sensei Shehab.
Als er dann mit 18 Jahren in die irakische Nationalmannschaft kam, war sein Vater aber doch stolz. Zweimal wurde er irakischer Meister, zuletzt 1996. Vier Jahre später mussten er und seine Frau wegen politischer Unruhen aus der Heimat fliehen. Diese Zeit belastet den starken Mann immer noch, er will lieber nicht darüber reden.
Viel lieber spricht Sensei Shehab über seine Zukunftspläne. Zur Zeit wird die Deutsche Kyokushin Karate Vereinigung gegründet, die eng mit den japanischen Schulen kooperieren soll. Einige seiner Schüler werden im Juni an der Europameisterschaft im russischen Kasan teilnehmen. Bereits bei den vergangenen Meisterschaften konnten Sensei Shehabs Schüler Plätze ganz weit vorne belegen. „Wir wollen Kyokushin in Deutschland bekannter machen“, sagt ihr Meister. Deshalb sollen sich im Sommer in Köln Kämpfer aus ganz Europa messen.
Zwei potentielle Teilnehmer stehen gerade völlig erschöpft auf der Trainingsfläche. Drei Minuten lang haben sie Kumite geübt den Kampf. Kraftvolle Kicks, harte Punches und schnelles Ausweichen verlangen eine gute Kondition. Das weiß der Sensei. Mit einer Mischung aus Spott und Mitleid fragt er „Alles klar?“
Karen Haak
www.rheintaucher.org